Ist ein Biest automatisch ein Biest oder wird es dazu gemacht? „Frankenstein“ am Grillo Theater in Essen

Die Blätter färben sich, die Abende werden ungemütlicher und es war  nach der Sommerpause endlich soweit – die Spielzeit 2015/2016 startete am 19.09 mit Mary Shelley’s Frankenstein in deutschsprachiger Uraufführung (von Nick Dear nach dem Roman von Mary Shelley, Deutsch von Corinna Brocher).
Hier kurz ein Ausszug aus der Inhaltsangabe des Grillo-Theaters: Lange hat sich Victor Frankenstein in sein Labor zurückgezogen, hat geforscht und gearbeitet, um seinen ehrgeizigen Traum zu verwirklichen: Er will Menschen erschaffen, will der Herr über Leben und Tod sein. Doch als die von ihm aus menschlichen Überresten konstruierte Kreatur zum Leben erwacht, jagt sie ihm tödliche Angst ein: Frankenstein flieht, und sein Geschöpf ist auf sich allein gestellt. Immer wieder scheitert es am Kontakt mit der menschlichen Gesellschaft, bleibt zugleich gehasster und verfolgter Außenseiter wie Gefangener des begrenzten und feindlichen Lebensraumes, den sein Schöpfer ihm zugedacht hat. Die ständige Ablehnung, die es aufgrund seiner Andersartigkeit erfährt, lässt das ursprünglich gutartige Wesen nun tatsächlich zum Monster werden, das die erfahrene Gewalt mit grausamer Brutalität zurückgibt. In der Weite des ewigen Eises rechnet es mit seinem “Vater” ab …Längst ist der Name des Schöpfers zum Synonym für seine Schöpfung geworden: In Mary Shelleys berühmtem Erstlingswerk erscheinen Frankenstein und seine Kreatur als Alter Ego, als Spiegel­bild des jeweils anderen. Nick Dears Bearbeitung, die 2011 ihre umjubelte Uraufführung am Londoner National ­Theatre erlebte, erzählt die Geschichte aus der Perspektive des unter seiner Einsamkeit leidenden Geschöpfes. Dabei wirkt Victor Frankenstein selbst in seinem Ehrgeiz, seiner Verantwortungslosigkeit und Gefühlskälte mitunter monströser als seine Kreatur, in der sich alles spiegelt, was der junge Wissenschaftler so erfolgreich aus seinem Leben verdrängt hat. Shelleys Schauerroman, der seine Leser seit fast 200 Jahren das Gruseln lehrt und unzählige Film-, Bühnen- und Comicvarianten inspiriert hat, fragt nach dem, was das menschliche Wesen letztlich ausmacht: Er erzählt vom Monster im Menschen und dem Menschen im Monster, von Verdrängung, fremdbestimmter und selbstgewählter Isolation und von der ebenso verzweifelten wie vergeblichen Suche nach Akzeptanz, Zugehörigkeit und Liebe.

Ich war gespannt – die erste Premiere einer Spielzeit ist immer eine Besondere. Man spürt das Knistern und die Erwartungshaltung – beim Publikum sowie bei den Theaterschaffenden vor und hinter den Kulissen.
Das Stück fängt etwas verstörend an – wer den klassischen Frankenstein erwartet, wird die ersten 10 bis 15 Minuten irritiert. Die erste Sequenz mit dem „Meister“ selbst (glaubwürdig gespielt von Thomas Meczele) und einem Jungen im Matrosenanzug der mich mit seinem unheimlichen Lachen stark an den Film „The Others“ erinnert hat (die vielfältige Janina Sachau in einer ungewöhnlichen Rolle, die sie mit Bravour meistert). Dann fällt aus einer viktorianischen „Kühlkammer“ etwas raus – ein Wesen –  stammelnd, wimmernd, ächzend und stöhnend. Gleichzeitig Mitleid erregend und doch abstoßend. Kurz nach diesem „Erwachen“ (grandios gespielt von Axel Holst) treffen Meister und Kreatur aufeinander. Doch der „Vater“ wendet sich erschrocken ab und vertreibt das „Biest“ aus seiner Geburtsstätte. Bis dahin ist der gesprochene Text übersichtlich – auch verstörend für den Zuschauer, der sich fragt, wohin die Reise gehen wird. Aber dieses kleine Vorspiel war nur der Anlauf zu einer Inszenierung um die, im Augenblick auch sehr aktuelle Frage: “ Wer ist das eigentliche „Biest“? Der vermeintlich dumme Aussenseiter, das Wesen ohne Seele, der Fremde in allen Welten – oder der kultivierte Gentleman, erstarrt in Konventionen und den eigenen Ängsten. Nicht bereit, Grenzen zu überschreiten oder Verantwortung zu übernehmen, für das was er „angerichtet“ hat im Namen der Wissenschaft.
Nach einigen Stationen, an denen das Wesen abgelehnt und verjagt wird – nicht besser behandelt als ein wildes Tier (obwohl man die auch nicht so behandeln sollte) trifft er auf einen blinden Gelehrten, der mit Sohn und Schwiegertochter vor dem Krieg geflohen, in einer armseligen Hütte leben muss. Während die erwachsenen Kinder versuchen, zu jagen und das karge Land urbar zu machen, trifft das Wesen endlich auf jemanden, der es „mit dem Herzen sieht“ und den lernbegierigen, gutmütigen Geist in ihm erkennt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ ein strapazierter Satz in allen Gesellschaften, der meist nur solange funktioniert wie die Gesehenen der gleichen gesellschaftlichen Schicht angehören oder jemand tatsächlich „blind“ für Äußerlichkeiten ist. Ein Jahr lang ist es dem Wesen vergönnt, von dem weisen Mann zu lernen und die Welt zu erfassen. Gleich einem Kind sind sein Lernbedürfniss und seine Fragen unerschöpflich. Er lernt Lesen, Schreiben, Sprechen und Verstehen. Die Körperhaltung verändert sich – aus der Bestie wird ein Mensch – ein noch immer hässlicher, aber ein Mensch wie letztendlich wir alle. Mit Ängsten und dem Wunsch nach Liebe. Aber auch ohne Impulskontrolle, denn auch das muss man lernen – man denke an die Kinder in den Sandkästen. Das Ganze eskaliert, als der alte Mann ( Jens Winterstein) das Wesen seinen Kindern vorstellt – im Vertrauen darauf, dass sie sehen, was er sieht – einen Menschen und kein Biest. Aber der Versuch schlägt fehl, der Sohn vertreibt das Wesen voller Grauen. Der Vater ist tief erschüttert ob seiner mitleidslosen Familie. Das Biest, tief getroffen, verletzt und verwirrt hat nur noch einen Wunsch: Rache. In der nächsten Szene sieht man die Familie ermordet, das Häuschen verbrannt. Das Wesen zieht es nun zurück zu seinem Schöpfer – nur wie an diesen herankommen? Durch Zufall oder Fügung trifft er auf den kleinen Bruder von Victor Fankenstein (Janina Sachau) – getreu nach dem Motto „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein“ bringt das Wesen den kleinen Bruder um. Aus Rache, aus zurückgewiesener Freundschaft und, um seinen „Meister“ Victor Frankenstein auf sich aufmerksam zu machen. In der Eishölle des Mont Blanc treffen beide aufeinander – Meister und Geschöpf. Das Geschöpf möchte nur eines vom Meister Anerkennung oder wenigstens eine Gefährtin. Frankenstein, fasziniert von dem Gedanken, diesmal ein perfektes „Wesen“ zu erschaffen, schlägt ein. Der Pakt wird geschlossen. Frankenstein wird dem Wesen eine Gefährtin liefern. Das Wesen verspricht im Gegenzug mit seiner Frau für alle Zeiten im ewigen Eis zu verschwinden. Doch es kommt anders. Frankenstein verlässt Verlobte (Silvia Weiskopf, wie immer ätherisch und wunderbar) und Familie und zieht sich nach Schottland zurück um das „perfekte Wesen“ zu bauen. Dem Wahnsinn nahe, gelingt ihm dies – mit mentaler Unterstützung seines toten Bruders (unheimlich: Janina Sachau). Er baut eine perfekte Ehefrau für das Wesen, ein hübsches Wesen ohne Verstand, das sich bewegt wie eine Marionette (ebenfalls Silvia Weiskopf). Das – immer noch namenlose – Wesen folgt Frankenstein auf die schottische Insel und ist begeistert von der Aussicht auf eine Gefährtin. Doch Frankenstein zerstört beides : Die Illusion eines „normalen“ Lebens für das Wesen und die eben erschaffene Frau. Das Wesen ist am Boden zerstört, hoffnungslos und voller Rache. Frankenstein wird von seinem Vater nach Hause geholt um endlich seine Verlobte zu heiraten. Die Hochzeit wird schnell gefeiert und Frankenstein versucht alles, um sein Glück in seinen Mauern zu wahren. An allen Eingängen zum Haus stehen Wachen, die das drohende Unheil abhalten sollen. Doch das Wesen ist längst im Gebäude. Nachts als die Braut im Bett auf den Bräutigam wartet, zeigt es sich. Es entspinnt sich eine Unterhaltung zwischen den beiden, die Frankenstein immer wieder enttäuscht und zurückgewiesen hat – Braut und Wesen. Leider obsiegt die Sprache (mal wieder) nicht über die Gewalt, das Wesen tötet die Braut vor Frankensteins Augen. Die beiden, die ein unsichtbares Band verbindet – der eine kann ohne den anderen nicht wirklich sein – egal ob in Liebe oder Hass, jagen einander ohne sich je wirklich umzubringen, denn dann würde der Überlebende automatisch seine Daseinsberechtigung verlieren. Tosender Applaus – wie wirklich schon um ? 2 Stunden 45 Minuten Theater schon vorbei? Ja, leider. Man ist tief berührt. Und denkt noch einige Zeit über die Frage nach : Ist wirklich der das Biest, der so aussieht oder der, der den Normen genügt und dabei kaltherzig und selbstsüchtig ist. Eine Frage, die sicher jeder für sich selbst beantworten muss und die schwieriger zu beantworten ist, wenn man wirklich vor so einer Entscheidung steht. Mein Fazit: ein sehr gut adaptiertes Stück aus der Sicht des Wesens und absolut nicht altmodisch. Die Schauspieler brillieren in ihren Rollen. Ganz besonders das so wandlungsfähige Wesen, gespielt von dem wirklich großartigen Axel Holst.
Das Drumherum ist ebenso stimmig – die Beleuchtung, ein echter Stimmungswandler, das Bühnenbild so schlicht und trotzdem beeindruckend – all das ist Theater im besten Sinne. Diese Inszenierung von Gustav Rueb muss man einfach gesehen haben.

Ein Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?t=24&v=c52T8GGBZ_I  und zur Seite des Schauspiels http://www.schauspiel-essen.de/stuecke/frankenstein.htm#embeds

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